Die Corona Krise bedingte zu Hause zu bleiben und alles, was an Bedürfnissen nach Unterhaltung und Kultur vorhanden war, dort nachzukommen. Für viele junge und natürlich auch ältere Menschen war es naheliegend, dieses Bedürfnis mittels Digitaler Medien zu stillen. Sehr beliebt bei Kindern und Jugendlichen war dabei insbesondere das Computerspiel. In der Schweiz beispielsweise spiegelt sich dies in der Statistik wieder. So wurde gegenüber dem Vorjahr ein stark erhöhter Absatz von Spielen und Hardware erhoben (ab 8. Minute: Tagesschau vom 21.04.2020: Mittagsausgabe). Dabei ist seit ca. zwei Jahren das Spiel „Fortnite“ das wohl meistgespielte elektronische Spiel. Insbesondere im Alter von 10 bis 14 Jahren. Vor allem bei männlichen Spielern kann es auf dem Pausenplatz sein, dass man abseits steht, wenn man es nicht spielt. Es ist daher wichtig als Jugendarbeit zumindest genauer hinzuschauen um was für ein Phänomen es sich dabei handelt.

1. Beschreibung Spiel

Einen groben Überblick über das Spiel kann man sich in meinem Artikel über das Spiel für Pro Juventute und dem von Sharmilla Egger verschaffen, sowie wenn man sich auf dem Live Gaming Channel Twitch selbst ein Bild macht. Die wichtigsten Eckpunkte sind, dass das Spiel laut PEGI Norm ab 12 Jahren empfohlen ist, kostenlos auf sämtlich Spielgeräte downloadbar ist und in einer comicartigen Grafik, sprich auf Kinder und Jugendlichen abzielend daher kommt. Mehrheitlich wird der Spielmodus Battle Royal gespielt. Dieser wird übrigens in vielen anderen Games auch angeboten. Beispielsweise im aktuell ebenso beliebten (ab 18 Jahren freigegeben, aber ebenso von Jugendlichen gespielt) „Call of Duty: Modern Warfare“. In Fortnite gibt’s zusätzlich einen Kreativ-Modus in dem Karten und Modi selbst gestaltet werden können.
Im Battle-Royal-Modus ist jedoch das Ziel, sich schnell mit Waffen, Baumaterial, sowie diversem anderen Equipment auszurüsten und dann alleine oder im Team bauend und schiessend bis zum Schluss zu überleben. Nebst der Grafik ist für die junge Generation insbesondere interessant, dass man für die eigene Figur Kostüme, Waffen-Lackierungen (Skins), Fluggeräte, Tänze und anderes erspielen oder kaufen kann. Dafürmuss reales Geld ausgegeben werden, welches im Spiel in eine In-Game-Währung getauscht wird.

2. Dürfen wir Fortnite mit den Jugendlichen spielen?

Da wir Lebensweltlich orientiert arbeiten, macht es Sinn, sich für ihre Realität zu interessieren und je nach Möglichkeit auch darin einzutauchen. Es lässt sich so besser verstehen, für was und weshalb Jugendliche davon fasziniert sind. So können wir ihnen Wertschätzung für ihr dort erlerntes Wissen entgegenbringen, sowie risikohaften Verhalten begegnen oder gar darauf präventiv einwirken. Dabei kann man vor allem auf die Wirkung der Beziehungsarbeit zählen. Je mehr Jugendliche in ihrer Tätigkeit ernstgenommen werden, Erwachsenen gar offen sind von ihnen zu lernen, aber durchaus kritisch und fair hinterfragen, desto mehr sehen sie den/die Erwachsene/n als AnsprechpartnerIn auf Augenhöhe. Dies kommt insbesondere in Momenten zum Tragen, wenn etwas nicht gut läuft (bsp. Belästigung, Kontrollverlust der Spielzeit, zu viel Geld ausgegeben) und sie froh sind, sich von jemandem eine zweite Meinung oder gar Unterstützung zu holen.

Es ist daher weniger ein „Dürfen“, sondern eher ein „Müssen“, um auf die Ursprungsfrage zurückzukommen.  Wichtig ist dabei, sauber mit dem/r eigenen AuftraggeberIn zu klären, ob sie/er hinter der Projektidee und Vorgehensweise steht. Ein kleines Konzept mit Zielen & Indikatoren kann helfen. Wichtig ist zusätzlich darauf zu achten, dass Jugendliche das Alter von 12 Jahren erreicht haben. Klar ist natürlich, dass viele Jüngere das Spiel spielen. Ob das nun für ihre Entwicklung hinderlich oder förderlich ist, ist schwierig zu beurteilen. Daher sollte man nicht wegschauen, allerdings bei Jugendlichen unter 12 Jahren sicherlich mindestens das Okay der Eltern einholen. Ausserdem kann es bezüglich Image heikel sein, wenn herauskommt, dass sich die Jugendarbeit nicht an die Altersvorgaben hält. Abgesehen davon lohnt es sich nur schon auf Jüngere zuzugehen und mit ihnen über das Spiel zu diskutieren.

Allgemein schwingt bei diesem Spiel, wenn es auch in harmloser Grafik gehalten ist, die Thematik der Gewalt mit. Obwohl verschiedentlich bewiesen worden ist, dass die Affinität zu Gewalt mit dem Spielen solcher Games nicht wächst, sondern wohl eher durch umgekehrte Kausalität bestimmt ist (Gewaltaffine Menschen fühlen sich von Spielen mit gewalttätigen Inhalten angezogen), sollte man diese Thematik nicht unterschätzen und mit Jugendlichen diskutieren.

3. Gelingendes Spielen mit Jugendlichen

Wenn man mit Jugendlichen spielt, ist es lohnenswert, sich durch sie ins Spiel einführen zu lassen. Auch wenn man das Spiel bereits gut kennt, ermöglicht dies eine neue Perspektive auf das Geschehen.  Fortnite bietet verschiedene Spielmodi an, um im Team gemeinsam zu spielen und sich so zu unterstützen.

3.1 Vorgehensweise

Die beiden bestehenden Möglichkeiten sind entweder online mit ihnen zu spielen oder bei entsprechender technischer Ausrüstung Im Jugendtreff. Das Spielen im Jugendtreff ist logischerweise technisch und organisatorisch ein um einiges grösserer Aufwand. Insbesondere wenn man den Event partizipativ durchführt (was sehr Sinn macht). Allerdings bietet dies mehr Chancen. Beispielsweise kommen auf diese Weise Jugendliche ins Jugendhaus und lernen die Räumlichkeiten kennen, welche ansonsten eventuell nie gekommen wären. Ausserdem kann man etwa gemeinsam etwas kochen und einen grossen Teil der Organisation sowie den Aufbau der Technik den Teilnehmenden überlassen. Und natürlich ist der Austausch vor Ort viel lebendiger als wenn man gemeinsam online ist.

3.2 Beachten

Eine Kritik, die man (beim Onlinespielen) nicht zu Unrecht immer mal wieder hört ist, weshalb sich nun Erwachsene auch noch bei einem der „letzten“ Rückzugsorte der Jugendlichen „aufdrängen“ müssen. Dies kann man insofern etwas abschwächen, in dem man Jugendliche informiert, dass man online ist und sie die Freundschaftsanfrage senden lässt, sowie sich im Spiel selbst von ihnen zu einer Runde einladen lässt, sich also nicht mit Anfragen aufdrängt. Es kann natürlich sein, dass wenn eine Gruppe spielt, nur ein Teil davon Lust hat mit einem Erwachsenen zu spielen. Dabei gilt es ein feines Sensorium zu entwickeln und sich allenfalls zurückzuziehen, wenn man bemerkt, dass man stört.

Zum Spiel Fortnite ist zu sagen, dass alles etwas unübersichtlich ist (Startlobby, Spielmodis, Logik des Spiels). Es braucht also Zeit bis man sich einigermassen zurecht findet. Auch wenn einem Jugendliche gerne alles erklären. Praktisch hingegen ist, dass PC- und Konsolen-SpielerInnen gemeinsam spielen können (Crossplay – ist bei einigen anderen Spielen nicht möglich).

Es lohnt sich ausserdem als JugendarbeiterIn auf jugendgerechte Zeiten zu achten. Also je nach Wochentag möglichst nicht länger als 22 Uhr online zu sein. Auch wenn sie länger spielen, sollte man sich dann ausklinken. Einige Jugendliche haben mir nach dem Lockdown von Schlafstörungen berichtet, da sich ihr Nacht-/Tagrhythmus ziemlich verschoben hatte. Dies sollten wir nicht fördern.

Wenn das Gefühl entsteht, dass ein/e Jugendliche/r  (zu) viel online ist, ist es wichtig mit der eigenen Beobachtung auf diese zuzugehen und zu Fragen, wie es ihm/ihr dabei geht. Dies sollte unbedingt unterstützend und nicht moralisierend geschehen.

Da sich im Shop von Fortnite viele digitale Dinge mit realem Geld (umgewandelt in die Spielinterne Währung „V-Bucks“) kaufen lassen, gibt’s nicht wenige Jugendliche, die einiges an Geld für das Spiel ausgeben. Ein digitales Produkt kostet von 1-2 Fr. bis über 10 Fr. Diese Thematik lohnt sich sehr mit Jugendlichen anzuschauen und zu reflektieren. Beispielsweise mit Gegenüberstellungen, was man mit dem Geld an „realen“ evt. nachhaltiger nutzbaren Dingen kaufen kann.

Zur Vorwarnung: Online-sein kann sehr anspruchsvoll sein, zum Beispiel wenn man zeitweise mit 16 Leuten gleichzeitig in einem Kanal ist („telefoniert“) und spielt. In der Regel spielt man jedoch eher in Kleingruppen von vier SpielerInnen.

3.3 Gelingendes Gaming/Chancen

Es zeigte sich, dass es während des Online-Spielens schwierig ist, ein Thema weg vom Spiel zu bearbeiten. Allerdings entstehen vor und nach dem Spielen spannende Zeitfenster, die es sich lohnt zu nutzen. Dort sprechen Jugendliche immer mal wieder Themen an, welche sie beschäftigen. Teils klappt das nur wenn man mit einzelnen Jugendlichen auf einem Kanal ist. Manchmal es aber ebenso mit mehreren Jugendlichen. Die Kontakte und Beziehungen können jedoch nicht einzig und alleine online aus dem Nichts entstehen. Dafür braucht es ein Mindestmass an vorhergehenden Face-to-Face-Beziehungen. Diese können jedoch online gestärkt werden und weitere, mit anderen Jugendlichen aus demselben Freundeskreis, können so entstehen. Meine Erfahrung zeigt allgemein, dass Jugendliche sich sehr freuen mit einem Erwachsenen zu spielen und ihn in diese Welt einzuführen.

4. Aktuelle Situation nach Lockdown

Interessanterweise zeigten sich nach dem Lockdown bezüglich Nutzung digitaler Medien bei den Jugendlichen in meinem Arbeitsumfeld, insbesondere beim Spielen elektronischer Spiele, Ermüdungserscheinungen. Klar blieb die Smartphone-Nutzung hochrelevant. Jedoch war es für diese Jugendlichen den ganzen Sommer hindurch interessanter, möglichst viel und bis spät draussen zu sein und Leute zu treffen (Analog zu uns Erwachsenen ;-)). In den vorhergehenden Sommerferien gab es durchaus auch viele, die einiges an Zeit mit Computergames verbrachten.

5. Andere Online-Spiele

Weitere Möglichkeiten mit Jugendlichen zu Spielen bieten andere Games, welche bei ihnen sehr beliebt sind, wie FIFA (verschiedene Altersgruppen) oder Minecraft (eher bei unter 12 jährigen). Bei Fortnite sind es nach meiner Erfahrung eher 12-, 13-jährige und jüngere die das Spiel spielen. Viele Ältere finden es nicht mehr interessant. Unter anderem da ihnen die Grafik zu kindlich ist.

Was ebenso von vielen gespielt wird, ist das ab 18 Jahren freigegebenen Spiel „Call of Duty: Modern Warfare“. Unter anderem weil der Spielmodus „Warzone“ (Battle Royal) wie bei Fortnite kostenlos spielbar ist. Da dieses Spiel auf hohen Realismus setzt, sprich Gewalt praktisch unzensiert und in „realer“ Grafik gezeigt wird, empfehle ich dringend, das Spiel nur mit Begleitmassnahmen (bsp. Diskussionen und andere Methoden zur Auseinandersetzung mit Krieg und Gewalt), sowie mit einer elterlichen Bestätigung mit Jugendlichen zu spielen. Dass man das Projekt/Angebot und die Vorgehensweise vorher mit dem Arbeitgeber abklärt, muss als selbstverständlich betrachtet werden.

Fotos/Grafiken: OJA Oerlikon

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